N:Sight Research GmbH

Abdruck zum Beitrag in der prokom 03/08

This is my site Written by Bjoern Negelmann on 4. November 2008 – 14:42

Das Ergebnis meiner Vorbetrachtungen an dieser Stelle haben zu folgendem Output geführt:

Das Informationsmanagement ist tot! – Lang lebe das Informationsmanagement

Die Globalisierung fordert einen hohen Tribut – die Märkte wachsen zusammen und der Wettbewerb erhält eine neue Dimension. Was hat das mit dem Informationsmanagement zu tun? Ganz einfach – in wettbewerbsintensiven Märkten müssen Unternehmen sowohl effizient als auch ständig innovativ sein – um dem Druck des Marktes stand zu halten. Ein aktuelles Arbeitspapier der Harvard Business School unter dem Titel „Wellsprings of Creation: Perturbation and the Paradox of the Highly Disciplined Organization“ (Quelle: http://hbswk.hbs.edu/item/5998.html) zeigt dabei, dass ein wichtiges Element für die Erreichung bzw. Steigerung der Innovationsfähigkeit in einer prozesseffizienten und hierarchisch durchstrukturierten Organisation die Zulassung von „Störungen“ (Perturbation) ist. „Störungen“ wie Probleme des Prozessablaufes, Reklamationen oder Anwendungsprobleme des Kunden oder negative Ergebnisse sollten über Organisationsgrenzen hinweg transparent gemacht werden, einen kollektiven Problemlösungsprozess induzieren und den Anstoß für Veränderungen und Verbesserungen geben.

Das Informationsmanagement – wie wir es bisher kennen – ist aber auf das strukturierte und effiziente „Ablegen“ und „Archivieren“ von Informationen unterschiedlicher Formate ausgelegt. Klassisches Wissensmanagement versucht darüber hinaus, das Wissen über die Organisation und die Prozesse zu erfassen und zu „verwalten“. Die Ablage und Strukturierung des Wissens ist dabei zumeist „von oben“ vorgegeben und erlaubt wenig bis gar keine Abweichung. Der Prozess der Erfassung und Veredelung von Informationen zu Wissen wird dabei durch mehr oder weniger lineare Kooperationsmechanismen koordiniert. „Störungen“ sind nach diesem Verständnis fehlerhafte Vorgänge, die eine Optimierung und noch striktere Definition der Prozesse bedürfen.
Der „Knowledge Worker“ – wie der Wissen-verarbeitende Mitarbeiter neuerdings bezeichnet wird – hat neue Anforderungen an das Informationsmanagement:

  • Informationseinheiten müssen Gegenstand von Diskussionen werden –  es geht nicht mehr um die Verwaltung von statischen Informationsablagen und deren Publikation, sondern um die Koordination und Transparentmachung des Informationsflusses innerhalb der Organisation.
  • Informationseinheiten stehen sowohl in einem mehrdimensionalen inhaltlichen als auch sozialen Kontext, der sich verändert und unterschiedlich interpretiert wird – die klassisch hierarchische Ablage von Informationen ist eine zu starke Reduktion des Kontextes; Informationen müssen flexible verschlagwortet und in Beziehung zum Autor und den Nutzern der Informationen gesetzt werden.
  • Informationseinheiten können in unterschiedlichem Format unterschiedliche Inhaltstiefen transportieren – Audio und Video steht gleichberechtigt neben Text und Meta-Information; Inhalte werden zunehmend in Echtzeit verbreitet, müssen aber auch historisch abgelegt sein

Von extern strömen zudem die Konzepte und Erfahrungen mit der „Social Software“ auf das Informationsmanagement ein, die genau das reflektieren, was der „Knowledge Worker“ als neue Anforderungen hat. Hier wird das Informationsmanagement mit dem Aspekt des Identitäts- und Beziehungsmanagement in Verbindung gesetzt und die Verwaltung und Nutzung von Informationen im Zusammenspiel mit dem sozialen Umfeld gesehen. Das Web 2.0 und die Social Software verändern damit die Anforderungen an die Zusammenarbeit im Unternehmen:

  • Informationsaustauschformate wie RSS oder ATOM und Social Presence Anwendungen (Publikationsanwendungen zu Statusinformationen) bieten Transparenz über den Status von Informationseinheiten und Veränderungen im sozialen Umfeld
  • Social Bookmarking und Taxonomy-Systeme erlauben eine individuelle Auszeichnung der Information, die in der Summe der kollektiv ausgeführten Auszeichnungen ein besseres Bild des Kontextes der Information darstellt und über die Zeit auch die Veränderungen in der Auszeichnung reflektiert.
  • Communitys und Social Networks stellen die Person in seinem Beziehungsgefüge dar und bieten eine bessere Verortung seiner Expertise.


Abbildung 1: Zusammenwachsen von Informations- und Kollaborationsmanagement

Aktuelle Projekte aus dem Web Content-, Dokumenten- und Wissensmanagement zeigen genau, wie diese Faktoren das klassische Systemparadigma des Informationsmanagement verändern. So stehen Unternehmen unter Zugzwang, die Web 2.0 Potentiale auch innerhalb des Unternehmens verfügbar zu machen, denn Mitarbeiter erfahren zunehmend in ihrem privaten Umfeld, welche Möglichkeiten und welchen Nutzen das Web 2.0 für sie bietet. Dabei gibt es wie zu den Anfängen der Web-Nutzung auch „revolutionäre“ Bestrebungen der Fachabteilungen, Social Software abseits der unternehmensweiten IT-Strukturen aufzusetzen und auszuprobieren. So werden Projekt-Tagebücher oder Team-Wikis auf Servern „unter dem Schreibtisch“ implementiert oder gar externe Web 2.0 Dienste für unternehmensrelevantes Informationsmanagement genutzt. Die führt nicht allzu oft zu einer Art Subkultur des Informationsmanagement – dem Informationsmanagement 2.0.

Abbildung 2: Evolution des Informationsmanagement

Im Unterschied zum klassischen Informationsmanagement wird hier der Mehr-„Wert“ aus der stärkeren Vernetzung und Kontextzuordnung gesucht. Als „Hinterzimmer“-Projekte charakterisiert sich dieses Management durch einen „Bottom-Up“-Ansatz. Im Mittelpunkt steht die Transparentmachung der „kollektiven Intelligenz“ und die Verortung der Information in einen umfangreicheren Kontext. Das Mehr an Information bleibt dabei immer noch effizient im Zugriff, weil die Social Software-Technologien umfangreiche Filtermöglichkeiten bietet.

Letztendlich ist der „revolutionäre“ und von dem klassischen Informationsmanagement abgekoppelte Einsatz von Social Software aber nur ein Zwischenschritt hin zu einem Zusammenwachsen von Informations- und Kollaborationsmanagement-Systemen – ergänzt um “Social”-Features wie die Flexibilisierung der Klassifikation und Kontextverwaltung und der Transparentmachung der Informations- und Wissenssituation durch die Integration von „Social Presence“-Informationen (Status-Informationen von Personen oder Informationsobjekten) sowie des sozialen Beziehunggefüges im Unternehmen.

Die Veränderungen spiegeln sich auch in der Systemwelt wieder. Als Vorreiter in diesem Lösungsfeld bietet z.B. die IBM mit IBM Lotus Connections ein neues Erweiterungskonzept, was die „Social“-Feature in seinem klassischen Groupware-Angebot ergänzt. Über Lotus Quickr werden die „Social Software“-Ansätze mit dem klassischen Informationsmanagement des IBM ContentManager integriert. Ein anderes Lösungsbeispiel stellt CoreMedia dar, deren „Social Software“-Ansätze auf der Business-Logik-Schicht mit dem CoreMedia-Backend verheiratet sind. Damit sind auch die Informationen aus dem Kontext der „Social Software“-Funktionalitäten sprich Status-Informationen, Auszeichnungen und Beziehungsinformationen als Content-Objekten im Backend abgelegt. Ein dritter Ansatz stellt RedDot dar, die das Thema wie auch andere Content-Management-Anbieter eher aus dem Blickwinkel eines Integraitons- und Aggregationsansatzes verfolgen. „Social Software“-Anwendungen stellen hierbei eigene Anwendungen dar, die über Integrations- und Aggregationsmechanismen mit der klassischen Informationsablage in Beziehung gesetzt werden.

Wie sich darüber hinaus die Projekte vor diesem Hintergrund verändern und welche Herausforderungen sich dadurch neu stellen, ist Gegenstand des bevorstehenden ECM WORLD SUMMIT am 10.-12. November in Frankfurt/Offenbach, der das zusammenwachsende Anwendungsfeld des Informations- und Kollaborationsmanagement diskutiert. Als Jahreskongress im Bereich des unternehmensweiten Informationsmanagements bietet der Kongress ein breites Themenspektrum von klassischen Publikations-, Redaktions- und Dokumentenmanagement-Themen bis zu innovativen Aspekten des Social Media Management und Social Computing.

Dieser Beitrag ist im prokom Report 03/08 als “Appetithäppchen” für den ECM WORLD SUMMIT erschienen. Ich freue mich über jegliches Feedback zu meiner Statusanalyse.

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Björn Negelmann verantwortet die inhaltlichen Teile der Veranstaltungsaktivitäten von Kongress Media und ist darüber hinaus auch Kopf des an Kongress Media angeschlossenen Research-Hauses N:Sight Research. Er reflektiert seine Beobachtungen über die Entwicklung der Themen sowohl in den Corporate-Blogs von Kongress Media und N:Sight als auch in den Fachblogs Enterprise Digital Blog (zum Social Collaboration & Future of Work Thema), auf Espresso-Digital.de (zum Thema Social Kommunikation & Marketing) sowie im Digital Experience Blog (zum Thema Digital Experience & die Transformation in Marketing, Vertrieb und Service). Darüber hinaus moderiert und betreut er die diversen Online-Communities und Online-Veranstaltungen von Kongress Media.

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